Prüfungen und Wein

08.04.2016 18:26

 

Nachdem wir uns dieses Semester mehr und mehr auf die Uni konzentrierten, sind wir doch tatsächlich ein wenig in Stress geraten. Ob sich das viele Lernen gelohnt hat? Bisher schon! Die ersten Zwischenprüfungen im Fach Agrarhydrologie können wir als bestanden abhaken. Insgesamt müssen wir vier Zwischenprüfungen bestehen, um am Ende an der Endprüfung teilnehmen zu dürfen. Das ist schon eine große Herausforderung, denn jede Zwischenprüfung ist sehr komplex und teilweise gar nicht so leicht. Und das alles in Spanisch. Aber das Bestehen der ersten Zwischenprüfungen gibt mir Mut und weckt meinen Kämpferinstinkt. Ich glaube mittlerweile kann ich auch nicht mehr behaupten, dass ich gar kein Spanisch kann und bin schon ein bisschen stolz, dass wir Schritt für Schritt unserer Endprüfung näher rücken.

Jede Zwischenprüfung ist in zwei Teile aufgeteilt: Einen Theorieteil und einen praktischen Teil. In jeden Teilabschnitt müssen wir mindestens 60 % zum Bestehen erreichen, also nicht mehr die 40 %, die wir in Deutschland gewohnt sind. Der praktische Teil stellte bisher keine große Schwierigkeit für uns dar, denn wir haben 45 Minuten Zeit, ein oder zwei Probleme rechnerisch mit "offenem Buch" zu lösen. "Offenes Buch" steht dafür, dass wir all unsere Materialien in der Prüfung verwenden dürfen. Die Problemfälle in den praktischen Prüfungen richten sich dabei immer sehr stark an die Übungen, die wir im Laufe der Vorlesungen durchrechneten. Die größere Herausforderung ist der theoretische Teil der Prüfungen mit "geschlossenem Buch" (ohne Materialien), den wir auch mit 60 % bestehen müssen. Insgesamt werden zehn Theoriefragen gestellt, mit denen größtenteils schon sehr detailreiche Themen abgefragt werden. Unser Vorlesungsmaterial besteht aus einer Sammlung an nichtsaussagenden Power-Points und zwei sehr detailreichen Büchern mit ingesamt 1000 Seiten, die wir unmöglich alle lesen können. Dieser Stoffüberschuss und die komplexen Fragen hätten es uns eigentlich unmöglich gemacht, die Zwischenexamen zu bestehen, denn wir brauchen viermal so lang wie Muttersprachler, um uns den gewünschten Stoff anzueignen. Aber wir hatten da ein paar Hilfen. Javier, unser neuer deutsch-sprechender Freund aus dem Kurs, setzte sich mit uns vor der ersten Zwischenprüfung geduldig zusammen und erklärte uns den Stoff auf Spanisch. Auch wenn wir mit Bernoulli und Darcy schon wunderbare Vorkenntnisse in der Hydrologie haben, hieß das noch lange nicht, dass wir das auch in Spanisch erklären können. Aber unsere guten Vorkenntnisse waren schonmal ein guter Anfang. Unsere größte Hilfe waren aber alte Zwischenexamen, die uns Javier zum Lernen gab. So hatten wir konkrete Fragen und wussten, wo die Schwerpunkte liegen und vor allem wussten wir, wo wir mit dem Lernen beginnen sollten. Das größte Glück war dann, dass sich die Fragen der alten Zwischenexamen in unserem wiederholten, bzw. sich die Themenschwerpunkte nicht änderten. Unter diesen Voraussetzungen und mit sehr viel Fleiß kommen wir unserem erhofften Endexamen in Agrarhydrologie Stück für Stück näher, denn wir würden die Punkte gerne mit nach Hause nehmen.

Eine gelunge Abwechslung zu den trockenen fünfstündigen Vorlesungen sind die sogenannten "Exkursionen aufs Feld". Die erste Exkursion führte uns auf das Versuchsfeld der Universität. Dort ist ein kleines Kanalsystem aufgebaut, in dem durch einen Teich als Wasserspender ein konstanter Durchfluss eingeleitet werden kann. An eingebauten Venturikanälen wurde uns der Wechselsprung erklärt, über Schwimmkörper berechneten wir die Fließgeschwindigkeit der Wasseroberfläche im Kanal. Ein System aus verschiedenen Wehren wurde uns präsentiert und letztlich mit einem hydrometrischen Flügel eine 1-Punkt-Messung zur Bestimmung der Fließgeschwindigkeit im Kanal durchgeführt (mehr als eine 1-Punkt-Messung ließ der 15x15 cm-Kanal nicht zu :D ). Ein kleiner Hydrologenspielplatz also. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wussten wir, dass wir in diesem Fach richtig waren.

Die zweite Exkursion aufs Feld führte uns in ein größer angelegtes Versuchsfeld eines Instituts für Bewässerung. Wir schauten uns das System aus Bewässerungsfurchen auf einem Weinfeld und einem Knoblauchfeld an und lernten die Unterschiede der jeweiligen Furchensysteme kennen. Über ein Zulaufskanal überfluteten wir Teile des Feldes und führten Messungen zur Bewertung eines Bewässerungssystems durch. Wie lange braucht das Wasser, um am Ende der 120 Meter langen Furche anzukommen? Wie stark ist die Neigung des Feldes? ... Überall gab es etwas zu schauen, aber die meiste Zeit hielten Lisa und ich uns bei der Infiltrationsmessung von Emilio (einem unserer Professoren) auf. Emilio wollte mit einem Doppelring-Infiltrometer die Infiltration präsentieren. Nur war der Boden so fest, dass die Ringe sich keinen Zentimeter in den Boden bewegten und sie mit Brettern und Menschen auf dem Ring nachhelfen wollten. Als der Ring an allen Enden mit dem Boden abschloss und nicht mehr sooo viel Wasser auslief, wurde gemessen- das war alles andere als eine genormte Messung, aber hier reicht ja auch immer ein Pi-mal-Daumen-Maß. Nach unseren Überflutungsexperimenten gab es einen Asado für den kompletten Kurs. Für 50 Leute einen Asado zu organisieren, ist schon eine Kunst für sich, aber das haben sie drauf, die Argentinier. So gab es Fleisch, Brot mit leckerem Tomatensoßendip und ganz viel Wein.

Parallel zu unseren Agrarhydrologieabenteuern absolvierten wir unsere wöchentlichen Masterkurse an der Fakultät für Ingenieurwesen und nach dem Bestehen unseres Fachs für Umweltsystemmanagementprüfungen, belegten wir das Fach "Salud Humana y Ambiente" (Menschliche Gesundheit und Umwelt). Hier konnten wir uns sehr viel über giftigen bzw. krankheitserregenden Spinnen, Schlangen, Wanzen, Ratten und vieles mehr anhören. Der gesamte Kurs war schon sehr gelangweilt, weil die Professorin immer und immer wieder das gleiche erzählte. Sie wirkte schon wie eine richtige Ärztin, hört nicht zu, aber hört auch nicht auf zu reden. Auch für dieses Fach mussten wir einen Abschlussbeleg schreiben und wir entschieden uns, über die Stoffeinträge bei der Trinkwasseraufbereitung (z.B. Chlor) und deren Auswirkungen auf den menschlichen Organismus zu schreiben.

Natürlich beschäftigten wir uns nicht ausschließlich mit Unikram und verkosteten auch wieder sehr viel Wein. Dazu besuchten wir die Veranstaltung Música & Vino auf dem Rathausdach mit wunderschöner Aussicht über Mendoza bei Nacht. Die Veranstaltung war kostenlos und wir besorgten uns die Freikarten am Vortag in einer Touristeninformation. Pro Ticket durften wir drei kostenlose Weine verkosten. Da wir zu fünft waren und wir uns die Weine geteilt haben, konnten wir sehr viele verschiedene Weine verkosten. Es waren gerade Malbec-Wochen, weshalb ausschließlich Malbec´s aus den verschiedensten Bodegas der Provinz Mendoza ausgeschenkt wurden. Gut angetrunken verließen wir die Veranstaltung mit zwei Weingläsern in der Tasche, denn wir stellten fest, dass unserem Haushalt noch Weingläser fehlten. Aber die Argentinier verrieten uns auch, dass es nichts ungewöhnlliches ist, dass ab und an ein paar Weingläser verschwinden. Aber das bleibt unser Geheimnis.

In einer Gruppe für internationale Studenten warb ein Student mit einer Liste für eine Disko, in die er Interessierte eintragen lassen konnte. Wer auf der Liste steht, sollte kostenlosen Eintritt bekommen. Wir ließen uns mit Fede eintragen, denn wir wollten wenigstens eine Disko in Mendoza besucht haben. Wir glühten zusammen bei uns vor und genossen Rum mit Cola und selbstgemachte Pizza. Die Pizza wollten wir ganz praktisch auf deutsche Art mit Backpapier zubereiten, aber wir mussten feststellen, dass sich das Backpapier hier nicht zum Backen eignet, denn dieses konnten wir nicht mehr vom Pizzaboden trennen. So wanderte das Backpapier (mit vewunderten Blicken der Argentinier, die nicht verstanden, warum wir Pizza mit Papier backen...das kann ja nur schief gehen) also wieder in den Schrank und wird da auch noch lange Zeit verweilen. Gegen halb eins nachts nahmen wir uns zu dritt ein Taxi in den Süden von Mendoza zur Disko. Eine Fahrt kostete uns 120 Peso, also 8 Euro. Wir waren in Diskolaune. An der Kasse kam uns Pia entgegen, die verzweifelt Juan suchte. Pia ist eine deutsche Praktikantin in Mendoza, die auch mit auf der Liste stand und Juan der Listeninhaber, der uns alle auf die Liste eingetragen hatte. Pia kam zusammen mit Juan und anderen, aber der war nun verschwunden und Pia kam über die Liste nicht in den Club. Wir dementsprechend auch nicht und hätten bezahlen müssen. Keiner wusste irgendwas, denn Juan war nicht mehr erreichbar. Wir warteten eine halbe Stunde und überlegten, was wir machen. Würde Juan noch auftauchen? Bezahlen wir? Oder fahren wir nach Hause? Bezahlen kam nicht in Frage, denn als Mann musste man unverschämt viel für den Eintritt bezahlen und Fede kann sich das als armer Student nicht leisten. Juan war nicht aufzufinden, sodass wir letztendlich wieder ein Taxi nach Hause nahmen. Die Lust auf den Club ist uns auch vergangen, als wir die Menschenmassen sahen, die in den Club strömten. Auf eine Großraumdisko wie diese hatten wir plötzlich absolut keine Lust mehr und spielten lieber zu dritt zuhause Karten. Immerhin haben wir es versucht.

Wir bekamen wieder Zuwachs in unserem Haus, denn Kristin war mit ihrem neuen Wohnsitz mehr als unzufrieden. Wir hatten zwar kein Zimmer mehr frei, aber eine brilliante Idee. Schließlich haben wir eine Garage im Haus integriert, aber kein Auto. Nach Rücksprache mit dem Vermieter, der ein weiteres Bett und einen Vorhang bereitstellte, um den Eingangsbereich von der Garage zu trennen, zog Kristin in die Garage ein. Damit waren wir sechs Deutsche im Haus und im Kühlschrank wurde es langsam sehr eng. Wir haben uns hier ein kleines Deutschland mitten in Argentinien erschaffen mit sehr viel Vertrautem. Das gibt ein sehr heimisches Gefühl. Natürlich litt das Spanisch ein wenig darunter, aber wir verstehen uns alle sehr gut und genießen es, heim zu kommen und abschalten zu können. Damit das Spanisch aber präsent bleibt, kaufte Kristin Scrabble in Spanisch. So spielten wir bereits die ein oder andere Runde bei einem Gläschen Wein.

Wir verbringen nun auch gern den ein oder anderen Abend zusammen vor dem Fernseher, um Filme auf Spanisch zu schauen und dadurch unser Vokabular stetig zu erweitern. Der große Vorteil unseres Fernsehers ist, dass wir bei sehr vielen Filmen zusätzlich spanischen Untertitel einstellen können, sodass wir Spanisch sehen und hören können. Das macht es sehr viel einfacher, den Film zu verstehen. Ziemlich genial ist auch, dass wir die Filme auch mit englischer, statt spanischer Tonspur abspielen könnten. So etwas wünsche ich mir in Deutschland auch an meinem Fernseher.

Da eine Weinveranstaltung auf dem Rathausdach nicht genug war, besuchten wir eine weitere vor dem Rathaus, auf dem sogenannten "Peatonal del vino". Hier wurde ein Straßenbereich kurzerhand zur Fußgänger-Wein-Zone erklärt. Im Rathaus kauften wir uns fünf Verkostungstickets samt Weinglas für 150 Peso. Im neuen Fußgängerbereich fingen wir an, uns durch die Weine zu kosten. Dabei begleiteten uns Kristin, Enzo und sein Bruder. Wir kosteten uns durch deutlich mehr als fünf Weine, denn die Vertreter der Weinstände nahmen es nicht so genau mit den Tickets. So gab es wieder reichlich Wein für uns und eine lustige Improvisationsshow am anderen Ende der Weinzone. 

An einem Tag verabredeten wir uns mit Fede und Enzo, denn wir wollten Hot Dogs machen. Hot Dogs, ganz auf die Art, wie wir sie in Deutschland kennen. Auf die Idee kamen wir, weil Kristin im Vea (eine Supermarktkette) aus Deutschland importierte Röstzwiebeln fand (von Kühne). Die wichtigste Zutat neben vernünftigen Würstchen für leckere Hot Dogs. Würstchen deutscher Art und Gewürzgurken aus Deutschland kauften wir im Jumbo. Fede und Enzo analysierten skeptisch die Röstzwiebeln, aber das fertige Hot Dog genossen sie sichtlich. Ein gelungener Abend zu fünft mit Kristin, Fede und Enzo. Das wird nicht unser letztes Hot Dog hier gewesen sein, denn wir haben nun Röstzwiebeln im Schrank stehen. 

Herbstliche Grüße aus Mendoza,

Caro